Die Rede ist von: Triggersätzen.

Triggersätze, das sind Sätze, die einen auf die Palme bringen. Genauer gesagt, spricht ein anderer Mensch etwas aus, das uns dazu bringt, auf den anderen sauer zu werden, uns über ihn aufzuregen oder sogar total auszurasten. Wir glauben (naja, unser Ego glaubt), dass der andere einfach unmöglich ist, gemein, rücksichtslos, sonst würde er „so etwas“ ja nicht sagen. 

Vorwort: Ja, etwas länger geworden. Wer die Essenz verstehen möchte, dem wird der erste Teil reichen. Wer sich gerne über mein Ego amüsieren und erfahren möchte, wie ich mein Thema gelöst habe, dem lege ich auch Teil 2 ans Herz. :)

Hast du auch einen? Zwei? Drei vielleicht? 

Ich gebe es zu: Ich meine diese Frage rhetorisch. Denn auch du hast sie. Jeder, der noch nicht komplett mit allem durch ist, hat sie.

Die Rede ist von: Triggersätzen.

Triggersätze, das sind Sätze, die einen auf die Palme bringen. Genauer gesagt, spricht ein anderer Mensch etwas aus, das uns dazu bringt, auf den anderen sauer zu werden, uns über ihn aufzuregen oder sogar total auszurasten. Wir glauben (naja, unser Ego glaubt), dass der andere einfach unmöglich ist, gemein, rücksichtslos, sonst würde er „so etwas“ ja nicht sagen. 

Ja, was sagt er denn, dieser Mensch?

Überprüft man ganz sachlich mal diese Sätze, zum Beispiel, indem mal eine kleine Feldforschung im eigenen Bekanntenkreis durchführt, so wird man feststellen:

NICHT JEDER SATZ LÖST BEI JEDEM MENSCHEN DIE GLEICHE REAKTION AUS.

Nehmen wir mal ein Beispiel. Wie wäre es mit… „Das war nicht besonders schlau.“ 

Es gibt Leute, die könnten dem Sprecher jetzt an die Gurgel gehen. Oder sie versinken in Schamgefühlen. Oder aber die Tränen des Zorns steigen auf. Oder oder oder. Jeder hat eben seine eigenen Verhaltensmuster. Brav gelernt und nie mehr aus dem System geschmissen. Ein Triggersatz ist das aber nur für Leute, die ein Thema haben mit „Du bist dumm.“ Meist waren sie in der Schule nicht die mit den besten Noten. Oder ein Elternteil hat das immer wieder gesagt und das Kind fühlte sich abgelehnt und verletzt dadurch. Minderwertig. Klar ist es dann nicht schön, wenn einen ein anderer Mensch daran erinnert. Also, an diesen Schmerz. Nur dass der andere halt so gar nichts dafür kann. Im Beispiel oben sagt er ja nicht einmal: „Du bist dumm“, sondern „DAS war nicht besonders schlau“. Für den Angetriggerten macht das aber keinen Unterschied. Er hört, was er hören WILL. Nicht etwa, um den anderen zerfetzen zu wollen. In Wahrheit will er daran erinnert werden, dass hier ein unerlöster Schmerz darauf wartet, endlich geheilt zu werden. Dazu braucht es aber ein anderes Verhaltensmuster als die Projektion der Schuld an diesem Schmerz auf das Gegenüber. Das Stichwort ist, wie immer: Hausaufgaben machen!

(auch das kann durchaus ein Triggersatz für den einen oder anderen sein).

SO. UND WAS WAR JETZT DENN BEI MIR DER SCHMERZPUNKT? NA?

Der geneigte Leser dieses Blogs weiß nun, dass ich die Inspiration für meine Themen hier immer direkt aus meinem Leben, meinem Alltag ziehe. So liegt die Schlussfolgerung nahe, dass mir sowas in der Art in letzter Zeit widerfahren sein muss. Ich würde für eben diese Schlussfolgerung gerne 100 von 100 Punkten vergeben. 

Ja, es kommt viel, viel seltener vor als früher, dass ein Satz mich antriggert. Warum? Weil ich schon sehr viel aufgeräumt habe. Da haben eben viele Dinge keine Chance mehr. Sie perlen an mir ab wie der Wassertropfen vom Lotusblatt. Das ist die wunderbare Belohnung dafür, wenn man AN SICH arbeitet, statt die anderen verändern zu wollen. Und nein, ich weiche jetzt nicht aus. Ich gestehe jetzt und hier gerne, mit welchem Satz ich eiskalt erwischt wurde.

„Du bist kompliziert.“

 

Autsch!!! Bämm!!! Alle Alarmglocken an, Schmerzen überall aktivieren!!!

 

Ein von mir sehr geschätzter Mensch (das macht es ja alles immer noch schlimmer) schrieb mir das in einer Email. NACHDEM ich das bearbeitet hatte, also meine aufwallenden Egojammereien, war ich überhaupt erst in der Lage dazu, die ganze Mail zu lesen. Vorher konnte ich nicht. Ich hatte das Dokument geöffnet und, wie durch Magie, sprang mich dieser Satz an und ich konnte nichts anders mehr sehen, nichts anderes mehr ertragen. 

  ICH WAR VOLLE KANNE ANGETRIGGERT.

Wie oft habe ich diesen Satz schon zu hören bekommen? Ach, oft. Und nie in einem liebevollen Ton. Nein, vielmehr immer mit einem tiefen Seufzen der Verzweiflung, einem genervten Blick oder einer vorwurfsvollen Stimmlage. Die Botschaft, die bei mir ankam, was stets dieselbe: „Mit dir stimmt etwas nicht.“ Und auch diese wurde noch weiter interpretiert: „So, wie du bist, bist du nicht liebenswert. Komplizierte Menschen mag man nicht. Also wirst du weniger gemocht, weil du bist, wie du bist.“ Kopfkino live, immer wieder. 

Als mir dieser riesige Vorwurf des Kompliziertseins ins Auge und damit ins Ego fiel, war ich gerade in der Ubahn. Ich stieg am Sendlinger Tor aus. Münchner wissen: ein recht belebter Platz. Doch ich wusste, dass es endlich genug war. Ich wusste, dass genau dieser riesige Schmerz, zusammen mit den Schamgefühlen, die da waren, meine Chance waren, das endlich anzuschauen und loszulassen. Und ich suche mir dann keine Ausreden mehr. „Ich bin in einem öffentlichen Verkehrsmittel / an einem öffentlichen Platz / Hier ist zu viel los / Andere sehen mich dann weinen“ usw. - das interessiert mich nicht mehr. 

 

Es gibt nie, nie, niemals einen besseren Platz für deine eigene Heilung als den, wo du gerade bist, zu genau diesem Zeitpunkt.

 

So setze ich mich im Gewusel des Sendlinger Tors auf eine kleine Parkbank, die eben frei wurde. Und ich holte das Handy noch einmal heraus, um den Satz nochmal mit voller Wucht auf mich wirken zu lassen. Dann schloss ich die Augen und fing an zu beobachten. 

Große Wellen tobten in mir. Erst der Schmerz und die Schamgefühle, weil ein anderer mir „vorwarf“, ich sei kompliziert (mit allem, was ich in diese Aussage eben so hineininterpretierte). Dann kam die nächste Schicht. „Hast du es also wieder mal geschafft! Hast du deine Aufmerksamkeit bekommen!“ Ein beschäftiger Mann hatte sich aufgrund meines vorhergehenden Verhaltens dazu genötigt gesehen, mir eine lange Email zu schreiben (das kostet Zeit) und sich ausführlich mit mir zu beschäftigen. Ein anklagender Ton in meinem Kopf klatschte mir zynischen Applaus. Doch was geschah jetzt? Ich erkannte zum ersten Mal die perfide Verbindung von zwei Schmerzmustern, die sich gegenseitig in die Karten gespielt hatten, mein Leben lang! Während der eine Teil Szenarios zu kreieren schien, durch die ich Aufmerksamkeit bekam, gab es einen anderen, der mir dafür Vorwürfe machte, gefolgt von einem weiteren: Schamgefühle und Reue, ein mich verstecken wollen. „Hätte ich das bloß nicht getan!“, heulte dieser Teil nun. Denn dieser Teil fand nichts schrecklicher als Aufmerksamkeit, da diese immer einherging mit Schimpf, Schmach, Scham. Total komplex, ein in sich nährendes Egosystem, eine unendliche Spirale! Verrückt. Ja, verrückt. Ich sag ja immer wieder: Wir sind alle verrückt. 

 

Ein Ego kreiert Aufmerksamkeit, weil es gesehen, wahrgenommen werden will.

Das andere Ego schimpft mich dafür, weil ich mich immer in den Mittelpunkt drängen muss.

Das dritte Ego leidet darunter, überhaupt im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, weil das nur mit Leid und Schmerz verbunden ist. Es will unsichtbar sein.

 

DIE WAHRHEIT IST: ICH BIN KOMPLIZIERT! :)

 

Schwierig? Nun ja, was soll ich sagen? Ich bin wohl recht kompliziert. *lach* Ja, das bin ich. Und ich kann das jetzt lachend schreiben. Dieser Satz kann mir nichts mehr. Denn ich habe alle aufkommenden Wellen beobachtet, ihnen Raum gegeben. Habe Tränen laufen lassen, habe Zorn wallen lassen, habe Scham brennen lassen in mir. Alles. Und ich habe nichts weiter getan als einfach dabei zuzusehen. Mich ein, zwei Mal zu fragen: „Wovor habe ich eigentlich wirklich Angst?“ So lange, bis Ruhe war, in mir. Das Gewusel außen herum war mir egal. Kein Sendlinger Tor kann jemals so viel Unruhe bergen, wie es in mir alleine durch solch einen Satz möglich ist!

Aus einem Impuls heraus nahm ich danach mein Smartphone und googelte die Wortbedeutung von „kompliziert“. Dieses Wort heißt ursprünglich „zusammengefaltet“. Da musste ich schmunzeln. Ja, das bin ich wohl. Zusammengefaltet. Denn was tue ich, Tag um Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr? Ich ENTfalte mich. Stück für Stück. Insofern passt das schon. So lange ich mich noch nicht vollständig entfaltet habe, bin ich eben zusammengefaltet. Es ist also gar nicht schlimm, kompliziert zu sein, sondern ganz natürlich. Wer darin etwas Vorwurfsvolles sieht, darf ruhig in den eigenen Spiegel schauen. Aber das geht mich wiederum nichts an. 

Interessant ist doch auch, dass wir im Deutschen für schimpfen das Wort „zusammenfalten“ benutzen. Ist nicht auch eine lieblose Maßregelung ein Teil unserer komplizierten Geschichte? Sicherlich. Doch müssen die Eltern nichts wiedergutmachen, auch nicht die Lehrer. Nein, vielmehr kann ich lernen dadurch, wie es geht, sich zu entfalten. Die Schule des Lebens eben, wenn man es so sehen will. Die gibt eben - Hausaufgaben. ;)

EINMAL SICH DIE MÜHE MACHEN, ZU HEILEN STATT ZU JAMMERN - UND DEN REST DES LEBENS PROFITIEREN DAVON!

Ich bin letztlich wieder ein Stück mehr Lotus geworden. Der Vorwurf „Du bist kompliziert“ macht nichts mehr mit mir. Ich durfte erkennen, dass es die Sichtweise eines einzelnen Menschen ist, geprägt durch seine eigene Geschichte. Für mich ist nur wichtig, einmal mehr, meine Geschichte dahinter, die schmerzvolle, aufzulösen. Und ja, das kann genau so einfach gehen. Wobei es während des Prozesses eben nicht immer einfach ist, das auszuhalten. Doch das ist der Weg. Für mich in jedem Fall.

Danach konnte ich übrigens in Ruhe die Email lesen. Sie war keineswegs vorwurfsvoll. Sie war voller Liebe und Einfühlsamkeit geschrieben. Und 99 Prozent hatten mit „kompliziert“ auch nicht weiter etwas zu tun. Und erst Tage später, jetzt, als ich wortwörtlich für diesen Blogeintrag zitieren wollte aus der Email, konnte ich WIRKLICH lesen, was da steht: „Du hast ein sehr kompliziertes Wesen“, steht da. Da steht nicht etwa: „Du bist kompliziert.“ Ich hätte schwören können, dass genau dieser Satz da stand!!! Mein Triggersatz! Wirklich!!! „Du hast ein sehr kompliziertes Wesen“ klingt ganz anderes, finde ich. Denn ich BIN nicht etwas, ich HABE etwas. 

Glauben Sie mir, auch das passiert nicht zum ersten Mal - dass mein Geist dafür sorgt, dass meine Realität zu dem passt, was meine Prägung ist. Das passiert in jeder Sekunde. Nur manchmal, da geht der Vorhang der Pupille auf und mir wird für einen Moment ein Blick hinter die Kulissen unseres Welttheaters gewährt. Dann staune ich, immer wieder auf’s Neue. Und fühle mich wie magisch hingezogen zu meinem Laptop, um diesen Blick hier zu teilen. 

 

Mögen meine Worte dich nicht dazu anregen, ihnen blinden Glauben zu schenken! 

Mögen sie dich dazu inspirieren, selbst solche Erfahrungen zu machen!

 

Alles (ist) Liebe

deine Silvia Maria Engl

 

(vom 10.10.2015)